Autor: Pascua

  • Ein Jahr Radentscheid Bonn

    Ein Jahr Radentscheid Bonn

    Wer jemals gedacht haben sollte, es steht ein:e trainierte:r Athlet:in bereit, auf dieses Rad zu springen und mit kontinuierlichen 300 Watt den Pass hoch zu pedalieren, der liegt leider falsch. Auch geht es nicht um ein Einzelzeitfahren, sondern auf der Strecke wird ein Team gebraucht, das sich gegenseitig zieht und Windschatten gibt.

    Um es kurz zu machen: Das Rad steht noch am Start. Es gibt noch keine sichtbaren Ergebnisse zu den Forderungen des Radentscheids, wenn man einige neue Abstellbügel ausnimmt, noch keine aktualisierte Netzplanung, kein Kilometer neuer Radweg nach Radentscheid-Standards, kein radfreundlicher Umbau einer Kreuzung und kaum ein Ansatz für ein besseres Einmündungsdesign. Das Rennen 2021 ist durch. Das Bonner Team war nicht gemeldet.

    Ein Schild hängt vor dem Bonner Stadthaus. Darauf steht: Rad. Bike. Velo. Bonn
    Ein Jahr nach der Annahme des Radentscheids durch den Stadtrat steht noch viel Arbeit an.

    Ungünstigerweise sind aber auch die lang geplanten Ausfahrten mit dem Rad ins Stocken geraten. In der Rheinaue sind die Zuschauer:innen auf die Strecke gegangen und haben auch die gemütliche RadTouristikFahrt ausgebremst. Da hieß es erstmal absteigen, die Rechtmäßigkeit der Tour nachzuweisen und zu argumentieren. Das Thema ist emotional und die Widerstände tauchen auf, wenn die Veränderung konkret wird. Es wird wohl so bald keine Tour de Bonn mit jubelnden Fans am Rand des Radwegs werden. Denn viele verstehen noch nicht, welchen Nutzen die Erweiterung der Mobilität für den Lebensraum Stadt und eine lebendige Innenstadt haben wird. Es stehen zu viele Autos herum, um sich vorstellen zu können, wie durchlässig und menschenfreundlich unsere Stadt sein könnte.

    Aber Optimismus und Motivation sind noch nicht verflogen. Vielmehr sehen wir, dass der Vereinsvorstand die sportliche Leitung neu geordnet hat, das Teambudget erhöht und auf dem Fahrer:innenmarkt aktiv auf der Suche ist. Eine Basis für das Team ist im Stadthaus schon aktiv und die Motivation ist da. Die Umsetzungsstrategie wird gerade festgezurrt. Erst kürzlich hat die OB sich selbst neben den Radweg gestellt und gezeigt, wie wichtig ihr die Mobilitätswende ist. Mit der neuen Leitung des Programmbüros Mobilität und ersten Besetzungen der neuen Stellen im Stadtplanungs- und Tiefbauamt gibt es Verstärkung. Realität ist aber, dass es zu wenige, qualifizierte Bewerber:innen für die neu geschaffenen Stellen gibt. Die notwendige Verstärkung wird nicht nur von außen kommen können.

    Realität ist auch, dass das Radprogramm nur eine Sparte des Vereins in unserem Vergleich ist. Die Tradition liegt eher bei anderen Sportarten. Und das Umdenken fällt schwer. Wir spielen auch in anderen Disziplinen nicht um die Meisterschale. Können wir dann Kraft abziehen, um die neue Sportart zu stärken? Erlebt haben wir, dass es etliche Monate gedauert hat, bis klar geworden ist, dass jetzt koordiniertes Handeln nötig ist. Erst seit September gibt es ein regelmäßiges Abstimmungstreffen zwischen der Verwaltung und dem Radentscheid. Oft taucht das Argument auf, dass zu viel zu tun ist, um das vom Rat der Stadt Beschlossene in die Tat umzusetzen. Das mag stimmen, umso mehr fehlt uns die Priorisierung innerhalb der Verwaltung über alle Dezernate hinweg.

    Für Februar 22 stehen die ersten Termine für gemeinsame Arbeitstreffen zu Standards für Radinfrastruktur und die Planung eines durchgängigen Radwegenetzes entsprechend den Bestimmungen des Radentscheids an. Damit wird es konkret. Laut Aussagen der Stadt sollen ab jetzt bei allen Planungen für Neubau oder Ertüchtigung von Verkehrswegen die Anforderungen aus dem Beschluss des Radentscheids berücksichtigt werden. Protected Bike Lanes, eine neue Situation auf der Oxfordstraße und eine Verbesserung am zentralen Bonner Rheinufer für Radfahrende und Fußgänger:innen sollen bald sichtbar werden. Bonn steigt auf und tritt in die Pedale.

    Häufig kann man mit kleinen Dingen große Wirkung erzielen. Große Veränderungen wie der Umbau von Kreuzungen erfordern mehr Planung. (Visualisierung: Dominik Heling / Pascua Theus)

    Das alles soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir mit dem Erreichten nicht zufrieden sein können. Wir sind es nicht und wir werden auch weiterhin nicht müde, unsere Forderungen zu verfolgen. Das aktive Radentscheid-Team sieht sich als Vertreter der Interessen von weit mehr als 20.000 Bonner:innen, die im erfolgreichsten Bürgerbegehren der Bonner Geschichte für unsere gemeinsamen Ziele unterschrieben haben. Wir werden ausdauernd und zielstrebig bleiben, hoffen auf weiteren Rückhalt und einen Stadtrat sowie Bezirksvertretungen, die auf dem Weg nicht absteigen und zurückschieben.

    Im Laufe des Jahres sind weitere Unterstützer:innen zu uns gestoßen. Wir können uns jetzt mehr engagieren, unsere Ideen und Anregungen besser ausarbeiten  und werden mit ähnlichen Aktionen wie zum Beispiel unserer Ampelaktion in der Rheinaue und den temporären Protected Bike Lanes auch in Zukunft auf die Belange der Radfahrenden und Fußgänger:innen aufmerksam machen. Jeder ist bei uns willkommen, der sich für den Radentscheid einbringen will.

    Das siebte Ziel des Radentscheids ist eine transparente Umsetzung mit einem jährlichen Sachstandsbericht. Unseren Beitrag hierzu wollen wir hiermit in aller Kürze vorlegen und sind gespannt, wie die Stadt ihrerseits dieses Ziel umsetzen wird.

    Und um den Kritiker:innen direkt den Wind aus den Segeln zu nehmen, erlauben wir uns einen Disclaimer zum Schluss. Auch wenn wir unseren Jahresbericht in das Bild eines Radteams verpackt haben, geht es uns in allem zuerst um die Alltags- und Freizeitfahrer:innen sowie um die Fußgänger:innen in unserer Stadt. Diese Mobilitätsformen sind bei weitem die umweltfreundlichsten und wichtig für unsere Zukunft. Wir setzen uns nicht für Radfahrende ein, die rücksichtslos unterwegs sind. Aber von denen gibt es wenige. Radfahrende werden nicht schneller, wenn die Strecke breiter wird. Da fehlt einfach das Gaspedal. Wir stehen weiter für eine sachliche Diskussion und wünschen uns diese auch von allen Kritikern, um unsere Stadt gemeinsam voranzubringen. 

  • Wir sollten unseren Kindern keine (Bord-) Steine in den Weg legen!

    Wir sollten unseren Kindern keine (Bord-) Steine in den Weg legen!

    Gehwege sind wertvolle öffentliche Räume für die Stadtgesellschaft. Sie sind neben Verkehrsraum für den Fußverkehr und den Kinder- und Grundschulverkehr auch Orte der Begegnung und des Austauschs der Bürger:innen. Damit ein Bürgersteig seine soziale Funktion als Ort der Kommunikation der Bürger einer Stadt erfüllen kann, muss er ein komfortables Nebeneinandergehen von mind. zwei Menschen ermöglichen. Nur ein solcher Gehweg hat den Namen Bürgersteig wirklich verdient. Gespräche und Austausch im öffentlichen Raum sind nur möglich, wenn man dafür auch ausreichend Platz zur Verfügung stellt. Mit dem Radentscheid Bonn ist daher im Regelfall eine Breite von 2,5m und eine Trennung vom Radweg beschlossen worden. Bei einer getrennten und geschützten Infrastruktur bestehen das geringste Konfliktpotential und die sicherste und auch kinderfreundlichste Möglichkeit der Fortbewegung für alle. In schmaleren Straßenzügen, wie bei Erschließungsstraßen in Wohngebieten, wird der Radverkehr regelhaft auf der Fahrbahn geführt und Kinder müssen dennoch auf dem Gehweg radeln. Dieser ist aber häufig zu schmal, sowohl für Zufußgehende als auch für Familien auf Fahrrädern. Viel zu häufig sieht man in Bonn dann Familien beim Spaziergang, wie sie auf zu engen Gehwegen zu „Gänsemärschen“ durch ihr Wohngebiet gezwungen werden. Weder Nebeneinandergehen noch Überholen von z.B. Laufrad fahrenden Kids ist möglich. Die schmalen Bürgersteige sind häufig von parkenden Kraftfahrzeugen blockiert. Geneigtes Parken auf dem Hochbord ermöglicht komfortables Fahren für Autos auf der dadurch breiteren und menschenleeren Fahrbahn. Für Zufußgehende und Kinder auf Rädern bedeutet es allerdings einen Spießrutenlauf auf den verbliebenen Zentimetern Gehweg.

    An Kreuzungen und Einmündungen wartet dann das nächste Problem: Die Gehwege sind nicht durchgängig. An fast jeder Einmündung endet der Gehweg am Bordstein. Die Fahrbahn muss gequert und auf der anderen Seite wartet erneut ein Bordstein als Barriere. Im Glücksfall ist der Bordstein abgesenkt. Die Regelhöhe für abgesenkte Bordsteine beträgt aber immer noch 3 cm. Eine solche 3 cm-Schwelle für ein 12-Zoll-Kinderrad entspricht im Verhältnis einem 7 cm Hindernis (also fast einer kompletten Bordsteinkante) für ein 28-Zoll-Erwachsenenrad. Das würden Erwachsene niemals tolerieren. Den Kindern muten wir solche Barrieren allerdings, wie selbstverständlich zu.

    Ein Kind versucht mit seinem Laufrad über einen hohen Boardstein auf den Gehweg zu kommen
    Bordsteine sind für kleine Kinder große Barrieren und können Stolperfallen sein.

    Häufig angeführter Grund für diese 3 cm-Barriere ist die Notwendigkeit der Ertastbarkeit dieser Schwelle für Menschen mit Sehbehinderung mit einem Langstock. Aus unseren Gesprächen mit Vertretern des Blinden- und Sehbehindertenvereins wissen wir aber auch, dass Blindenleitsysteme und Aufmerksamkeitsfelder in Form von Rillen und Noppen in der Pflasterung, wie sie an vielen Stellen, auch in Bonn, bereits verwendet und gebaut werden, diese Funktion suffizient übernehmen können, sodass eine solche Schwelle nicht an jeder Stelle zwingend notwendig ist. Nullabsenkungen des Bordsteins vermeiden die Stolpergefahr und erleichtern sowohl die Mobilität von Kindern, als auch von Menschen mit Gehbehinderung. Noch besser sind niveaugleiche Einmündungen, wie sie im Radentscheid Bonn beschlossen wurden. Diese ermöglichen insbesondere an Vorfahrtsstraßen eine echte Durchgängigkeit des Geh- und Radwegs und somit eine wirkliche Repräsentation des Vorrechts des querenden Fuß- und Radverkehrs qua Design und somit intuitiv verständlich für alle.

    Die Graifk zeigt einen niveaugleichen Radweg neben einem niveaugleichen Gehweg. Autos, die in die Seitenstraße einbiegen wollen, müssen eine geringe Steigung auffahren
    Niveaugleicher Fuß- und Radweg. Timm Schwendy – Darmstadtfaehrtrad.org

    „Bordstein – Bremse rein!“ Manch einer kennt diesen Merkspruch aus der Verkehrserziehung im Kindergarten oder der Grundschule. Er soll Kinder davor bewahren, ohne zu schauen die Fahrbahn zu betreten. Wegen der häufig eingeschränkten Sicht auf die Fahrbahn aufgrund von parkenden Autos müssen sich allerdings Kinder und Menschen in Rollstühlen schon auf die Fahrbahn vorwagen um überhaupt nach links und rechts schauen zu können. Vorgezogene Gehwegnasen (s.g. Kaps) können an Einmündungen die Übersicht für Fußgänger:innen und Kinder verbessern und gleichzeitig durch Verringerung des Abbiegeradius den abbiegenden motorisierten Verkehr bremsen. Für eine wirkliche sichere Querung sollte der Bordstein als Bremse im Idealfall nicht für den Kinder- und Fußverkehr, sondern für den gefährdenden motorisierten Verkehr auf die Fahrbahn verlegt werden, um diesen effektiv abzubremsen. Sinussteine und Aufpflasterungen können technische Lösungen für eine solche Veränderung des Straßendesigns für so entstehende niveaugleiche Querungen für den Rad- und Fußverkehr sein. Einzelne Beispiele für annähernd niveaugleiche Einmündungen oder Querungen gibt es bereits in Bonn (z.B. im Neubaugebiet „Am Hölder“ in Röttgen oder an der Heussallee in Gronau). Ein allgemeingültiger Standard als klares Bekenntnis der Stadt für solch ein menschenfreundliches Einmündungsdesign gibt es allerdings nicht und wäre dringend nötig um die Wende von einer autozentrierten zu einer menschenzentrierten Stadtplanung zu schaffen.

    Die lebenswerte Stadt ist unser aller Ziel. Hierzu braucht Bonn eine menschen- und kinderfreundliche Infrastruktur. Kinder können dazu motiviert werden, gemeinsam mit der Freundin oder dem Freund mit dem Roller zur Schule zu rollern, wenn dies nebeneinander mit der Möglichkeit zu quatschen möglich ist, ohne dass parkende Autos den Weg einengen. Viele Elterntaxis könnten gespart werden. Weniger Eltern würden auf dem Gehweg mitradeln müssen, wenn der Gehweg durchgängig wäre und sie ihre Kinder gut auf der parallelen Fahrbahn begleiten können, ohne an jeder Einmündung anhalten zu müssen und aufgrund von Stolpersteinen wieder beim Aufsteigen helfen zu müssen. Viele schwere Unfälle an Einmündungen können verhindert werden, wenn das Straßendesign eine Reduktion der Geschwindigkeit des gefährdenden motorisierten Verkehrs und beste Blickbeziehungen von allen Verkehrsteilnehmenden bedingt. Ein klares Bekenntnis zu einem menschenfreundlichen Gehwegdesign als Standard für die Stadtplanung in Bonn hat also viel Potential für eine lebenswerte Stadt. Damit Kinder, aber auch Erwachsene, sicher zu Fuß oder mit dem Rad ihre Stadt erkunden können, dürfen wir ihnen keine Steine in den Weg legen. Wir müssen ihnen den Weg ebnen.

    Eine gute Möglichkeit für eine kinderfreundliche Infrastruktur und ein lebenswerte Stadt zu demonstrieren, ist die bundesweit stattfindende KIDICAL MASS am Samstag, dem 18.09.21, in Bonn um 15 Uhr ab Hofgarten. Mehr Infos dazu gibt’s bei uns unter kidical mass und unter kinderaufsrad.org.

    Fotos (soweit nicht anders gekennzeichnet): Dominik Heling (CC-BY-SA)

  • Kommentar zum Stand der Umsetzung des Radentscheids

    Kommentar zum Stand der Umsetzung des Radentscheids

    Seit dem Beschluss des Radentscheids am 4. Februar 2021 liegt der Ball im Feld der Verwaltung der Stadt Bonn, welche die beschlossenen Ziele zügig umzusetzen hat. Das heißt, die Verwaltung muss ein zusammenhängendes Radwegenetz planen, neue Radwege bauen, Kreuzungen und Einmündungen nach den im Radentscheid beschlossenen Standards sicher umgestalten, neue Fahrradabstellmöglichkeiten einrichten und dies alles transparent kommunizieren. Das ist die Rechtslage. So haben es über 28.000 Bonner:innen mit ihrer Unterschrift gefordert und 87% des Hauptausschusses der Stadt Bonn mit den Stimmen von Grünen, CDU, SPD, Linken und VOLT beschlossen.

    Dieser Beschluss ist von grundlegender Bedeutung für Bonn. Der Radentscheid beinhaltet eine grundsätzliche Umgestaltung des Verkehrsraums der gesamten Stadt. Die Stadt wird sich fundamental ändern, wenn geschützte Radwege statt aufgemalter Radstreifen und Schutzkreuzungen statt Angsträume das Stadtbild prägen. Dass wir Bonner:innen, die potentiellen Nutzer:innen dieser Infrastruktur, ungeduldig sind und es kaum erwarten können, endlich diese tollen Veränderungen zu sehen, liegt in der Natur der Sache.

    Aber wie steht es aktuell um die Umsetzung? Was hat die Stadt in den ersten vier Monaten nach der Entscheidung auf den Weg gebracht? Zugegeben fällt es uns nicht leicht, das wahrzunehmen, denn es gibt (natürlich) noch keine Umsetzungen, die nutzbar sind. Auch haben die Gespräche zwischen der Stadtverwaltung und unserer Bürgerinitiative erst schleppend begonnen. Wir haben uns vorgenommen, den Prozess im Sinne der 28.000 Unterschreibenden konstruktiv zu begleiten. Hier sind unsere ersten Beobachtungen und Einschätzungen.

    1. Strukturen

    Das Ziel eines Mobilitätswandels und einer sehr guten Fahrradinfrastruktur ist groß. Dafür muss die Verwaltung entsprechend aufgestellt und finanziell gerüstet werden. Die Haushaltsmittel sind also eine wichtige Basis. Darüber wird verhandelt. In der Presse lesen wir, dass viele neue Stellen auch und gerade für die Umsetzung des Radentscheids eingeplant sind. Das ist gut. Der Haushalt muss beschlossen und von der Bezirksregierung genehmigt werden. Dann gilt es, Planer:innen und Umsetzer:innen zu finden, die die Arbeit aufnehmen können. Das alles braucht Zeit und wird kaum in 2021 komplett erledigt sein. Darauf zu warten, ist nach dem beschlossenen Radentscheid aber zu wenig.

    2. Erste Maßnahmen

    Mit dem Radentscheid wird die Verkehrsplanung grundsätzlich umpriorisiert. Radfahrende und Fußgänger:innen stehen im Fokus. Dies kann schon jetzt bei der Umsetzung der „normalen“, regelmäßigen Instandhaltungsmaßnahmen berücksichtigt werden. In der Gruppe der Aktiven im Radentscheid haben wir über das gesamte Stadtgebiet Vorschläge gesammelt, wie man mit wenig Aufwand schon eine Verbesserung für den Radverkehr erreichen kann. Wir bieten unsere Ideen, die aus der täglichen Nutzung der Infrastruktur entstanden sind, der Stadt an und versuchen dazu mit ihr ins Gespräch zu kommen. Die Stadt sollte diese Vorschläge übernehmen um zügig das Radfahren an diesen Stellen sicherer und angenehmer zu machen. Nur wenn das geschieht, werden die Bonner:innen vermehrt das Rad nutzen.

    Ein blaues Auto hält an einem Stopp-Schild während der querende Radverkehr Vorfahrt hat
    In Bonn hat der Radvekehr heute nur an wenigen Stellen bereits Vorfahrt – wie hier am Beueler Bröltalbahnweg. (Bild: Pascua Theus)

    3. Laufende Projekte

    Uns ist bewusst, dass die Stadt Bonn in den letzten Jahren bereits Verbesserungen für den Rad- und Fußverkehr geschaffen hat. Im Programm „Emissionsfreie Innenstadt“ sind Radrouten, Fahrradparkhäuser und Umsteigestationen kurz vor der Umsetzung – wenn die aktuellen Hindernisse sich ausräumen lassen. Aber das einfache Zuordnen von nun bereits beschlossenen Planungen zu den Zielen des Radentscheids wird nicht funktionieren. Der Radentscheid ist ein großer und weitreichender Beschluss. Wir sollten ihn auch groß denken. Die bisherigen Dimensionen stimmen nicht. Die Umsetzung des Radentscheids verlangt mehr. Die Maßstäbe des Radentscheids müssen ab jetzt bei allen Kanalarbeiten, bei jeder Schlaglochreparatur und jedem Gullideckel mitgedacht werden, sonst können die Ziele nicht erreicht werden. Alle laufenden Planungen und noch erreichbaren Umsetzungen im Straßenbau sollten auf die beschlossenen und damit seit Februar gültigen Standards angepasst werden. Wo immer eine Straße geöffnet wird, um z.B. einen Kanal zu erneuern, sollte anschließend nicht der vorherige Zustand wieder hergestellt werden, sondern der Raum für Fußgänger:innen, Radfahrende, sowie fahrende und abgestellte Autos entsprechend der Ziele der Mobilitätswende und des Radentscheids neu überdacht werden. Jede Einmündung und jede Kreuzung, die betroffen ist, muss schon jetzt gemäß der Maßstäbe des Radentscheids geplant und umgestaltet werden.

    4. Fahrradnetzplanung

    Die Planung eines zusammenhängenden Radentscheid-konformen Radverkehrsnetz (Ziel Nr. 1 des Radentscheids) muss jetzt zeitnah beginnen, sonst fehlt sie als Basis für die Umsetzung in den kommenden Jahren. Eine bloße Übernahme vorhandener Netzplanungen wird diesen Anforderungen des Radentscheid-Beschlusses nicht gerecht. Aus Stückwerk muss jetzt ein zusammenhängendes Großprojekt für Bonn geschaffen werden. Die bestehenden Pläne sind oft zehn Jahre alt und älter. Sie wurden unter einer anderen Zielsetzung und mit einem anderen Bedarf geplant und müssen aktualisiert werden. Wir sind davon überzeugt, dass dieser erste wichtige Schritt zeitnah ausgeschrieben werden muss. Unter den Aktiven des Radentscheids planen wir aktuell im Rahmen eines s.g. Mapathons unsere Vorstellungen eines zusammenhängenden Radwegenetzes aufzuzeigen.

    Nicht immer ist ganz klar, wo es für den Radverkehr lang gehen soll. (Bild: Pascua Theus)

    5. Bestehendes nutzbar halten

    Ziel 6 des beschlossenen Radentscheides beinhaltet, die Infrastruktur nutzbar zu halten.

    So wurde mit dem Radentscheid die Prioritätenverschiebung im Ordnungsamt hin zur klaren Fokussierung auf Rad- und Gehwege bei der Parkraumüberwachung beschlossen. Das ist jetzt als geltendes Recht durchzuführen. Dies muss auch ein konsequentes Umsetzen von falschparkenden Fahrzeugen zur Nutzbarhaltung der Rad- und Gehwege einschließen.

    6. Zusammenarbeit

    Nachdem 28.000 Bürger:innen unsere Initiative unterstützt haben, sehen wir uns als Interessensvertreter in dieser Sache und wollen den gesamten Prozess kritisch und konstruktiv begleiten. Auch wenn unter den Aktiven einiges an ausgesprochenem Fachwissen vorhanden ist, sind die Fachleute, die vor dieser großen Aufgabe stehen, im Stadthaus. Wir bieten gerne an, unsere Woman- und Manpower bei diesem Großprojekt Radentscheid miteinzubringen. Wir, die Nutzer:innen der Infrastruktur, wissen an welchen Stellen in Bonn es für den Fuß- und Radverkehr knirscht. Jede Gefahrenstelle und jeden Falschparker:innen-Hotspot kennen wir. Dieses Fachwissen darf gerne genutzt werden. In der Zusammenarbeit von Fachverwaltung und den aktiven Bürgern sehen wir eine große Chance für unsere Stadt. Wir bieten an unser Wissen, unsere Ideen, unser Netzwerk und unsere Kommunikationsmöglichkeiten zu nutzen. Darum möchten wir einen stetigen Austausch etablieren um zusammen mit der Stadtverwaltung die Verkehrswende im Prozess zu beschleunigen, damit möglichst bald alle Bonner:innen das öffentliche Leben in dieser großartigen Stadt noch mehr genießen können.

    Wir werden Euch weiter auf dem Laufenden halten und unsere gemeinsame Sache bestmöglich unterstützen.

  • Tolle Perspektiven für Bonn

    Tolle Perspektiven für Bonn

    „Radwege haben pro Richtung eine Mindestbreite von 2 m, sind deutlich markiert, asphaltiert und baulich vor Befahren, Halten und Parken durch Kfz geschützt. Gehwege sind im Regelfall in 2,5 m, mindestens jedoch in 1,5 m Breite jederzeit frei begehbar zu halten und baulich vom Radweg getrennt.“ So steht es in unseren nun beschlossenen Zielen. Jan Buckard hat für uns Bilder von zwei markanten Stellen in Bonn bearbeitet und nach Radentscheid-Standard umgestaltet.

    Die Kölnstraße heute und wie sie vielleicht einmal aussehen könnte

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    Herausgekommen sind keine Träumereien, sondern realistische Darstellungen einer möglichen Zukunft. Klar kann und muss man über Zweirichtungsradwege oder beidseitige Einrichtungsradwege oder über Art und Gestaltung der baulichen Trennung in der konkreten Gestaltung weiter diskutieren. Auch wünschen sich viele für eine lebenswerte Stadt natürlich noch viel mehr, wie Fassadenbegrünungen oder weitergehende Umverteilung des Verkehrsraums. Diese Bilder wollen vor allem die konkrete Anwendung des Radentscheid-Standards auf Stellen in Bonn zeigen und sie zeigen sehr deutlich: Ja, es ist möglich und es ist realistisch, Bonn nach Radentscheid-Standard umzugestalten. Und es sieht toll aus!

    Die Oxfordstraße heute und mit vom motorisierten Verkehr abgegrenzten Radweg

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    Um eine Veränderung zu ermöglichen ist es wichtig, eine Perspektive zu haben. Manchmal haben wir in Gesprächen mit Bonner:innen gehört, dass sich bei Einigen beim Thema Radverkehr eine gewisse Perspektivlosigkeit breit macht: „Das wäre ja alles schön, aber in Bonn ist das nicht möglich: zu wenig Platz.“ „Wollt ihr die Radwege dann durch die Vorgärten bauen lassen?“ „Ich kann mir das nicht vorstellen. Das klappt nicht.“ Äußerungen, wie diese zeigen, dass Perspektivlosigkeit zur Resignation und Rechtfertigung des Status quo führen können.

    Wir wollen daher mit diesen Bildern neue Perspektiven für Bonn aufzeigen. Verkehr ist kein Naturgesetz, sondern veränderbar. Und wir wollen zum Perspektivwechsel ermutigen. Von der autogerechten zur menschengerechten und lebenswerten Stadt.

    Ja, es ist möglich. Bonn kann aufsteigen in eine Liga mit Fahrradstädten wie Utrecht, Amsterdam oder Kopenhagen. Bonn hat Potential. Auch das zeigen diese Bilder. Wir freuen uns drauf!

  • „Radentscheid Bonn“ mit großer Mehrheit im Stadtrat beschlossen

    „Radentscheid Bonn“ mit großer Mehrheit im Stadtrat beschlossen

    CDU, Grüne, SPD, Linke und Volt stimmten für den Radentscheid, nur der Bürger Bund Bonn und die FDP stimmten dagegen.

    Wir freuen uns riesig, dass wir nicht nur über 28.000 Bürger:innen Bonns überzeugen konnten, sondern dass sich nun auch die Politik unseren Zielen anschließt. Die große Zustimmung auf der Straße, als auch jetzt im Stadthaus, zeigt den starken Willen der Bonner:innen zur Verkehrswende. Um jetzt unsere gemeinsame Vision einer lebenswerten, kinderfreundlichen und klimagerechten Stadt Bonn zu realisieren, sind weitreichende strukturelle Veränderungen nötig. Die Umsetzung unserer Forderungen ist nicht ohne eine Umorientierung in der Stadt- und Verkehrsplanung, sowie entsprechende Personalstellen in der Stadtverwaltung möglich. Es geht uns dabei nicht darum, Radfahrende gegen Autofahrende auszuspielen. Die ganz große Mehrheit der Bonner:innen haben sowohl ein Rad, als auch ein Auto zur Verfügung und sind somit sowohl Radfahrende, als auch Autofahrende. Viele werden bei einer verbesserten Radinfrastruktur immer mehr Wege mit dem Rad zurücklegen. Mehr Platz für Fuß-und Radverkehr bedeutet daher auch mehr lebenswerter Raum für ganz Bonn.

    So ähnlich könnte die Oxfordstraße in Zukunft aussehen. (Bild: Jan Buckhard)

    Hauptkritikpunkt der wenigen ablehnenden Stimmen im Hauptausschuss war die Finanzierbarkeit der Maßnahmen. Allerdings sind Fuß- und Radverkehrsinfrastruktur wesentlich günstiger als solche für den motorisierten Verkehr. Viele Maßnahmen können im Rahmen ohnehin notwendiger Instandsetzungsarbeiten durchgeführt werden und vor allem kann die Stadt zahlreiche Fördergelder abrufen. Das gerade gestartete Sonderprogramm des Bundes „Stadt und Land“ fördert Maßnahmen, wie die des Radentscheids, dabei mit bis zu 90%.

    Nun heißt es für uns, die Umsetzung aufmerksam und kritisch zu begleiten, denn die Qualität der tatsächlichen Ausführung wird letztlich über den Erfolg unseres Bürgerbegehrens entscheiden. Wir bleiben dran!

  • Kommt jetzt die Fahrradstadt?

    Kommt jetzt die Fahrradstadt?

    Nach vielen Wochen und Monaten des Wartens haben heute die vier Koalitionsparteien veröffentlicht, wie sie sich die Bonner Politik für die nächsten knappen fünf Jahre vorstellen. In 18 Kapiteln und auf 68 Seiten formulieren sie Ziele und Ideen ihrer neuen Politik. Wir haben uns die relevanten Passagen angeschaut: In dem Schriftwerk werden den Themen Klima und Verkehr endlich der nötige Stellenwert eingeräumt.

    Das zeigt sich schon in der Reihenfolge der behandelten Punkte. Gleich zu Beginn direkt hinter der Präambel steht direkt das bestimmende Thema der nächsten Generation: das Klima. Und auf Platz drei hinter Wohnen und Planen stehen die Absätze, die uns so sehr am Herzen liegen: Verkehr und Mobilität. Und dieses Kapitel beginnt zuallererst mit den schwächsten Teilnehmer:innen im Straßenverkehr: Der Fußgänger:in. Dann kommt der Radverkehr, schließlich zwei Kapitel für Bus und Bahn. Und natürlich wird Bonn auch in Zukunft noch Autoverkehr haben.

    Wir wollen an dieser Stelle den Koalitionsvertrag nicht in allen Kleinigkeiten durchgehen. Wir gleichen in diesem Artikel aber den Koalitionsvertrag mit unseren Zielen ab.

    1. Ein durchgängiges Radwegenetz errichten!

    Auch dem Koalitionsvertrag nach soll in Bonn endlich ein durchgängiges Radwegenetz entstehen. Auf Basis des Masterplans „Nachhaltige Mobilität“ und gemeinsam mit der Bevölkerung soll dieses geschaffen werden. Ganzjährig sollen so die Stadtteile miteinander verbunden werden – Beschilderung inklusive. Auch Fahrten durch den Stadtkern sollen für Radfahrer:innen einfacher werden.

    2. Neue Rad- und Gehwege

    Verbindliche Zielsetzungen für die Schaffung neuer Rad- und Gehwege fehlen im Koalitionsvertrag. Viele Punkte sollen jedoch eine Verbesserung bewirken, etwa die Planung einer zusätzlichen Rheinquerung für Fuß- und Radverkehr. Ansonsten wird etwas schwammig z.B. von ausreichender Breite gesprochen. Fahrradschutzstreifen sollen jedoch wann immer möglich durch echte Radwege ersetzt werden. Ein deutlicheres Bekenntnis zum Radschnellweg am Tausendfüßler wäre wünschenswert gewesen.

    3. Große Ampelkreuzungen sicher gestalten

    Hier greifen die Koalitionsparteien die Ziele des Radentscheids sehr weit auf. Es soll höhere Sicherheit für Radverkehr, speziell an Kreuzungen geben, freilaufende Rechtsabbieger sollen nicht mehr errichtet und sukzessiv zurückgebaut werden und schließlich soll auf durch den Radverkehr vielfrequentierten Straßen eine Grüne Welle eingerichtet werden.

    4. Sichere Einmündungen und Zufahrten

    Dieser – uns sehr wichtige Punkt – hat es leider gar nicht in den Koalitionsvertrag geschafft.

    5. Mehr Fahrradstellplätze

    Auch hier stehen wichtige Verbesserungen für Bonn an: Es soll mehr Abstellmöglichkeiten geben, nicht nur in der Innenstadt und am Hauptbahnhof, in dessen Nähe zumindest ein ausreichend großes Fahrradparkhaus entstehen soll, sondern möglichst in jeder Straße. Auch Ladezonen speziell für den Lieferverkehr mit Lastenrädern sind vorgesehen.

    6. Geh- und Radwege nutzbar halten

    Sowohl eine bedarfsgerechte Straßenreinigung und Winterdienst als auch mehr Kontrollen von Falschparkenden durch das Ordnungsamt soll es zukünftig geben. Zusätzlich nötiges Personal soll eingestellt werden. Das entspricht ziemlich genau unseren Zielen. Wir hoffen, dass auf dieser Basis geeignete Maßnahmen zur Nutzbarkeit von Geh- und Radwegen mit der Stadtverwaltung vereinbart werden können.

    7. Transparente Umsetzung

    Dieser Punkt kann in einem Koalitionsvertrag so natürlich nicht enthalten sein. In einigen Punkten wird jedoch ersichtlich, dass die Koalitionsparteien bemüht sind, die Bevölkerung in den Gestaltungsprozess einzubinden und Planungsprozesse generell besser abzustimmen. Das finden wir wichtig und auch für den Radentscheid freuen wir uns, wenn hier geeignete Beteiligungsformate und Fortschrittsberichte entwickelt werden.

    Fazit

    Wir dürfen hoffnungsfroh sein, denn in dem ausgehandelten Vertragswerk sind viele wichtige Ziele definiert, welche sich mit den Zielen des Radentscheids in großen Teilen decken und an manchen Stellen auch darüber hinausgehen. Unser Ziel für Sichere Einmündungen und Zufahrten hat jedoch zu wenig Beachtung gefunden. Allerdings verpflichten sich die Koalitionspartner in dem Papier zur Unterstützung des Radentscheids, sodass auch die Umsetzung dieser Ziele von den Parteien eingefordert werden darf.

    Sowieso haben sich die Koalitionäre viel vorgenommen. Denn in Punkto Klimaschutz läuft den Parteien und damit allen Bürger:innen die Zeit davon. Jetzt gilt es den Druck konstant zu halten, damit die beschlossenen Punkte schnellstmöglich und bestmöglich umgesetzt werden.

  • Gute und sichere Fahrt ins Jahr 2021!

    Gute und sichere Fahrt ins Jahr 2021!

    Man könnte vermuten, dass wenn die Anzahl der Radfahrenden im Straßenverkehr steigt, auch das Unfallrisiko ansteigt. Zu erwarten wäre, dass sich die Zahl der Konflikte parallel zur Zahl der Radfahrenden erhöht. Wissenschaftliche Untersuchungen haben dem gegenüber das überraschende Ergebnis, dass Unfälle weniger häufig passieren, je mehr Menschen Rad fahren. Der Effekt ist mittlerweile in der Unfallforschung weitgehend anerkannt und belastbar nachweisbar, sowohl bei verschiedenen Städten, bei verschiedenen Kreuzungen und über verschiedene Zeiträume. Konkret: Je höher der Rad- und Fußverkehrsanteil, desto geringer ist das Risiko des einzelnen Radfahrenden oder Zufußgehenden, verletzt oder sogar getötet zu werden. Dieses Phänomen wurde als „Safety in numbers“-Effekt bekannt. Sicherheit durch die Menge.

    Zuerst beschrieb 2003 Peter L. Jacobsen diesen Effekt beim Vergleich der Unfallrisiken in Abhängigkeit von den geradelten Entfernungen in unterschiedlichen US-amerikanischen und europäischen Städten (https://injuryprevention.bmj.com/content/9/3/205). Warum dieser Effekt eintritt, darüber wird weiter diskutiert. Erklärungsmöglichkeiten sind, dass bei einem hohen Radverkehrsanteil Kolonnen von Radfahrenden besser vom motorisierten Individualverkehr wahrgenommen werden („Safety in density“): Eine Critical mass wird beim Abbiegen in der Regel nicht übersehen. Zudem sind bei häufigeren Fahrradfahrten die Verhaltensweisen dem motorisierten Verkehr bekannter und viele Autofahrende verstehen die Bedürfnisse der Radfahrenden, weil sie Radfahrende gewohnt sind oder selbst auch oft radfahren. Aber auch die sich ändernde Perspektive der Radfahrenden ist wichtig: Wenn viele Radfahrerende rücksichtsvoll fahren, ohne dass es zu schweren Unfällen kommt, können bewältigte Gefahrensituationen auch einen gemeinschaftlichen Lerneffekt bei den Radfahrenden bedingen.

    Es gibt also keinen Grund, mit dem Fahrradfahren erst auf die perfekte Fahrradinfrastruktur zu warten. Je mehr Menschen auf den Fahrradsattel steigen, desto sicherer wird es.

    Das heißt aber nicht, dass wir uns mit konfliktträchtigen Radverkehrsführungen zufrieden geben wollen und müssen. Wir wollen als Radentscheid die Win-Win-Situation nutzen: Je mehr sich für regelmäßiges Fahrradfahren begeistern, desto mehr Unterstützung gibt es für den Bau sicherer und attraktiver Radwege und je mehr attraktive und sichere Radwege es gibt, desto mehr werden auf ihre Fahrräder steigen.

    Das Ziel bei der Verkehrssicherheit muss die Vision Zero sein, d.h. keine Toten und Schwerverletzen im Straßenverkehr. Dazu brauchen wir Radwege, die Konfliktsituationen vermeiden. Wir sollten weiterhin vorsichtig und rücksichtsvoll radfahren und niemanden in Gefahr bringen, aber wir sollten unbedingt weiter radfahren, da wo es heute schon geht. Wenn wir schon jetzt etwas für die Sicherheit aller tun wollen, während wir gemeinsam auf die Annahme und Umsetzung des Radentscheids und damit eine sichere Infrastruktur in Bonn warten, dann sollten wir Pedalritter uns aufs Rad setzen, möglichst jede Strecke radelnd zurücklegen und möglichst viele überzeugen auch zu radeln! So verändern wir schon jetzt das Stadtbild. So verändern wir schon jetzt den Verkehr und retten dadurch Leben. Wir sind gemeinsam die „Safety in numbers“!

    Herzlichen Dank Euch allen, passt auf Euch auf, ein frohes Weihnachtsfest und eine gute und sichere Fahrt ins neue Jahr!

    Euer Radentscheid Bonn.

  • Erinnert Ihr Euch noch an den Raddialog?

    Erinnert Ihr Euch noch an den Raddialog?

    Im sogenannten Raddialog (Abschlussbericht) haben im Herbst 2017 etwa 600 Bonner:innen über 2300 Vorschläge zur Verbesserung der Radinfrastruktur in Bonn gemacht. Diese Karte der damals eingegangenen Vorschläge zeigt sehr eindrücklich, dass es an sehr vielen Stellen in ganz Bonn knirschte im Kettengetriebe. Die einzelnen Vorschläge konnten damals zusätzlich mit Stimmen bewertet und in Kommentaren diskutiert werden. Diese Kommentare sind allerdings leider aktuell nicht mehr verfügbar. Dankenswerterweise hat sich aber die Koordinierungsstelle für Bürgerbeteiligung der Stadt bereiterklärt diese Daten wiederherzustellen und verfügbar zu machen (UPDATE: Die Stadt hat inzwischen die Original-Website wiederhergestellt). Damals hatte es leider nur 62 Rückmeldungen von Seiten der Stadtverwaltung zu den Vorschlägen der Bürger:innen gegeben. Von einem wirklichen Dialog mag man kaum sprechen.

    Ganz viel hat sich seit dem Raddialog nicht getan. Bonn ist auch 2020 noch keine Fahrradstadt. Wir möchten darum den Dialog mit der Stadtverwaltung für eine bessere Radinfrastruktur wiederbeleben. Daher arbeiten wir die Vorschläge aus dem Raddialog derzeit in Stadtteilteams nochmal auf. Wir möchten Empfehlungen für Sofortmaßnahmen, die ohne größere Baumaßnahmen umsetzbar sind, der Verwaltung unterbreiten, damit die Verkehrswende in Bonn beginnen kann. Klar ist uns dabei aber auch, dass die Infrastruktur nicht einzig durch solche kleinen Einzelmaßnahmen zufriedenstellend verbessert werden kann. Die Umsetzung des Radentscheids verlangt grundlegende neue Konzepte und Planungen, wie neue qualitativ hochwertige Radwege und geschützte Kreuzungen. Auch im Raddialog zeigte sich der Wunsch nach einer solchen Neuregelung des Radverkehrs durch die Sammlung der allermeisten Vorschläge in den planungsintensiven Kategorien „Radverkehrsführung“ und „Radwegequalität“.

    Zusätzlich zeigten sich anhand der Anzahl der Vorschläge, Stimmen und Kommentare auch deutliche räumliche Schwerpunkte von verbesserungsbedürftigen Stellen in Bonn. Diese großen Dauerbrenner der problematischen Stellen des Radverkehrs, wie z.B. Hauptbahnhof, Bertha von Suttner Platz oder Kennedybrücke bedürfen auch weiterhin einer grundlegenden Überarbeitung durch die Radverkehrsplanung der Stadt.

    Insgesamt gibt es also viel zu tun in Bonn und zwar in ganz Bonn und an vielen Stellen. Lasst es uns aber nicht durch zu erarbeitende Konzepte und größere Planungen immer wieder vertagen. Lasst uns jetzt schonmal mit Sofortmaßnahmen beginnen: Unsere Vorschläge aus dem Raddialog sind ein erster Schritt!

  • Willkommen auf dem Radweg!

    Willkommen auf dem Radweg!

    Die Realität in Bonn sieht anders aus: Häufig fühlt man sich wie ein Kind, das auf die Toilette möchte und dann vor einem Bidet steht: Was soll ich nun tun? Wie geht es jetzt weiter? Stress, Unsicherheit, Scham.

    Häufig kommt dann die Empfehlung, man solle doch erstmal einen Fahrradführerschein machen. Die meisten Radelnden haben allerdings sogar einen Autoführerschein. Aber gegen das Ausgeliefertsein auf der Straße hilft er nicht. Auch nicht gegen das Gefühl nur Verkehrsteilnehmer:in zweiter Klasse zu sein.

    Routinierte Vielradelnde haben sich über die Jahre eine unterbewusste Bedienungsanleitung für Ihr Revier erstellt. Individuelle Wegenetze aus Gassen und Schleichwegen, gespickt mit detaillierter Kenntnis der Benutzungspflichten von Radwegen, StVO-Novellierungen und Navigations-Apps. Dazu eine dickes Fell gegen Drängeln, Hupen und enges Überholen.

    Für ein Radwegenetz ohne Bedienungsanleitung

    Wollen wir mehr Menschen aufs Rad bringen, sollten wir diese individuellen Strategien nicht zum Ideal erklären. Mehr Bedienungsanleitungen für Bonn sind nicht die Lösung. Fahrrad-Neulinge müssen sich auf Anhieb zurechtfinden und sicher fühlen. Zugezogene sollen sich an ihrem ersten Tag und ohne intensive Analyse des Stadtplans mit dem Rad auf den Weg zur Arbeit machen können. In echten Fahrradstädten ist das teilweise seit Jahrzehnten möglich. Und man muss dabei nicht einmal den geschützen Radweg verlassen. Man fühlt sich willkommen. So etwas stünde der weltoffenen Stadt, die Bonn so gerne sein möchte, gut zu Gesicht: Erlebtes Vertrauen, Entspannung, Selbstwirksamkeit.

    „Radwege müssen gebaute Einladungen sein“ bringt es Thiemo Graf vom Institut für innovative Städte auf den Punkt. Radwege sollten eine eigene Marke sein und auch nach Radwegen aussehen. Nicht nur nach Autostraßen mit angeflanschten Wegweisern, aufgepfropften Schildern und nachträglich hingemalten Fahrradpiktogrammen.

    Das bedeutet auch, dass ein gutes Fahrradwegenetz nicht nur aus verwinkelten Nebenstraßen besteht, sondern klare und direkte Verbindungen beinhaltet. Wenn man zum Bertha-von-Suttner-Platz möchte, hat man die bekannten Routen über Kennedybrücke, Oxfordstraße oder B9 im Kopf. Warum sollte man sich also umständlich über Friedensplatz und Friedrichstraße durch die Fußgängerzone dorthin schmuggeln müssen?

    Einfache Wege für intuitiv richtiges Verhalten sind bei der Bundesanstalt für Straßenwesen (BAST), dem wissenschaftlichen Forschungsinstitut des Bundesverkehrsministeriums, durchaus ein wichtiges Thema. Aber die gewonnen Erkenntnisse werden noch zu selten umgesetzt. Im Bereich des Automobilverkehrs ist intuitive Verkehrsführung selbstverständlich: Am 8. November durfte eine Fahrraddemonstration für einen Radschnellweg entlang der A565 nicht über den „Tausenfüßler“ führen, da Autofahrende nicht mit einer Sperrung einer Autobahn rechnen und daher Auffahrunfälle befürchtet wurden. Es entspricht im Auto also nicht unserer Intuition, dass ein Weg plötzlich gesperrt ist. Bei einem Radweg ist es allerdings vollkommen normal, dass dieser plötzlich auf die Fahrbahn gelenkt wird oder in einer Baustelle endet: „Fahrradfahrer absteigen“ heißt es dann.

    Auf der Kaiserstraße in der Südstadt hat sich die Situation für den Radverkehr in den letzten Jahren gebessert, aber der nun bestehende Linksverkehr ist ganz sicher nicht intuitiv. Und warum führt ein wenige Meter langer neuer Radweg auf dem Jan-Loh-Platz in der Altstadt mitten durch die Außengastronomie? Rein intuitiv würden wir uns in einem Biergarten wohl eher zu Fuß bewegen. Dass der Stammtisch nebenan wegen vermeintlicher „Rüpelradler“ die Nase rümpft, ist quasi vorprogrammiert.

    Ein Radweg führt von der Straße weg auf einen angrenzenden Platz um von dort wieder auf die Straße zu führen
    Am Jan-Loh-Platz in der Bonner Altstadt wird der Radweg umständlich von Straße durch die Außengastronomie verlegt

    Geschützte Radwege auf den direktesten Verbindungen sind wichtig, um ein erfolgreiches Radwegenetz zu etablieren. Falls nötig, auch mittels Umverteilung des Straßenraums. Gleichzeitig wirkt der Radverkehr dann aber auch auf den benachbarten Autoverkehr als Einladung zum Mitradeln. Wenn der lustige Opa mit dem Hollandrad auf dem komfortablen, geschützten und rot markierten Radweg den im Stau stehenden Sportwagenfahrer an der nächsten Ampel wieder eingeholt hat, überlegt sich letzterer vielleicht, ob er beim nächsten Mal nicht direkt sein E-Mountainbike auch mal für den Weg zur Arbeit nutzt. Der lustige Opa wird auf jeden Fall wieder das Rad wählen. Ein zusammenhängendes Radwegenetz überzeugt auch durch die positiven Gefühle,die es bei seinen Nutzer:innen auslöst.

    Ein paar als „Fahrradstraße“ deklarierte Nebenstraßen sind kein attraktives Radwegenetz. Eine komplizierte Bedienungsanleitung erzeugt keine positiven Gefühle. Eine gute Fahrradstadt lässt sich nicht nur in Verkehrszählungen messen – sie lässt sich auch spüren: Am Gefühl des Willkommenseins auf dem Rad.

  • Verbesserung der Fahrradinfrastruktur im Rahmen der geplanten Baumaßnahmen am Tausendfüßler (A565)

    Verbesserung der Fahrradinfrastruktur im Rahmen der geplanten Baumaßnahmen am Tausendfüßler (A565)

    Wir sind der Auffassung, dass die bisherige Verkehrsbelastung auf den Stadtstraßen der Stadt Bonn durch den motorisierten Individualverkehr sowohl im Hinblick auf die Sicherheit des Radverkehrs und Fußgängerverkehrs als auch auf die Belastung durch Flächeninanspruchnahme an vielen Stellen an ihre Grenzen stößt. Vorhaben, wie den Ausbau der A565, die eine erhöhte und schnellere Zuführung von Kraftfahrzeugverkehrsmengen in städtische Straßen ermöglichen, stehen wir ablehnend gegenüber.

    Stattdessen wünschen wir uns den Bau hochwertiger Radpendler-Routen für die Region Bonn/Rhein-Sieg. Wir haben daher eine Einwendung zum Planfeststellungsantrag des 6-streifigen Ausbau der A 565 bei der Bezirksregierung Köln eingereicht und fordern darin den Bau eines Radschnellwegs, sowie eine Berücksichtigung der Benutzbarkeit der bestehenden Radwege und der Erstellung neuer Radwege unter dem Tausendfüßler im Zuge einer Baumaßnahme am Tausendfüßler.