Die Verkehrssituation in Bonn hat sich durch die Brückensperrung grundlegend verändert. Damit ist auch die Mobilität anders geworden. Das Auto steht nicht mehr jederzeit und unkompliziert zur Verfügung. Stattdessen sind plötzlich das Rad und bald hoffentlich auch Bus und Bahn die schnellere und zuverlässigere Alternativen. Und bei dem Wetter tatsächlich auch gar nicht unangenehm.
Also rauf aufs Rad oder mal wieder zu Fuß von Beuel in die City laufen. Die Fahrradgeschäfte berichten von einem Ansturm von verstaubten Rädern, die jetzt schnell wieder fit gemacht werden sollen, und der Verkauf von Rädern zum Pendeln oder um Lasten zu transportieren steigt deutlich. Seit der Brückensperrung hat sich der Radverkehr in der Stadt sprunghaft gesteigert und an manchen Stellen mehr als verdoppelt. Und plötzlich wird es nicht nur auf den Autospuren eng.
Die Gefahr, dass sich jetzt Konflikte hochschaukeln und die Nerven blank liegen, ist groß. Zu sehr haben wir in unserem durchgetakteten Alltag vergessen, Zeit für die Wege von A nach B einzukalkulieren. Wenn ich hier fertig bin und gleich dort weitermachen muss, soll das Zwischendrin möglichst schnell gehen. Geht aber gerade nicht. Und dann steigt der Puls. Bei vielen.
Und da der Mensch nicht entweder Autofahrer, Radfahrer oder Fußgänger ist, kann man die Beobachtung in verschiedenen Situationen an sich selbst machen. Wie nervig ist es für den Autofahrenden in mir, wenn man in der Nebenstraße festhängt, weil die Hauptstraße zugestaut ist. Wie gerne würde man dauerhupen, wenn so ein Depp die Kreuzung blockiert und den Querverkehr unmöglich macht. Und dann die Radfahrenden, die sich überall durchdrängeln und mir das Voranschleichen noch schwerer machen.
Als Radfahrender weiß ich in der Regel auf die Minute genau, wann ich am Ziel ankommen werde. Pure Routine. Aber plötzlich sind da all die vielen anderen. Und einige davon sind zudem recht unsicher auf dem Rad. Andere finde ich einfach unverschämt, in der Situation noch unbedingt nebeneinander fahren zu müssen. Fußgänger weichen auf den Radweg aus und an den Kreuzungen muss ich sehen, wie ich um die Busse, die im Stau stehen, herumkomme. Und dann die Gruppen auf dem Gravelbike, die meinen, 30 cm Abstand zwischen unseren Lenkern wären genug. Warum sind die alle im Weg?
Bin ich zu Fuß unterwegs, geht es mir nicht anders. Der Überweg an der Ampel ist zugestellt. Die Abgase nerven. Die Radfahrenden kommen von allen Seiten. Da wird es nichts mit gemütlich bummeln und sich dabei unterhalten. Das macht alles keinen Spaß.
Die größte Falle ist, wenn ich schon weiß, dass gleich wieder einer von denen kommt und mich auf diese Art ärgern wird. Irgendeiner tut mir immer den Gefallen, bestätigt meine Vorbehalte und treibt mich weiter in die Abwehr. Das wird zum beständigen Kampf auf der Straße.
Aber nein, ich will das nicht. Durchboxen funktioniert nicht. Es ist, wie es ist. Da hilft nur tiefes Durchatmen. Relax, nimm dir etwas mehr Zeit und mach das Beste aus der Situation. Schau dich um, nach den anderen. Nimm Rücksicht. Wir sind alle in der gleichen Situation. Lächeln hilft. Wenn wir es schaffen, uns gegenseitig wahrzunehmen und einen Gang runterzuschalten wird es einfacher und angenehmer. Ich habe keine Lust, mir meinen Tag vom Verkehr vermiesen zu lassen.
Und eigentlich haben wir in Bonn doch einige Optionen, die man mal ausprobieren kann. Lasst uns nicht akzeptieren, dass man morgens und nachmittags nicht mehr in die Innenstadt kommt, dass das jetzt alles so für die nächsten 10 Jahre bleibt und dass unsere Stadt nicht wirklich lebenswert ist. Die Situation ist plötzlich so anders, dass wir mal kurz innehalten könnten und überlegen, ob das nicht auch eine Chance für positive Veränderungen ist. Wenn wir durch die neuen Perspektiven neues Verständnis bekommen und uns gemeinsam dafür engagieren, die Probleme zu lösen, dann geht einiges.
Wahrscheinlich müssen wir zuerst einige Feindbilder und Glaubenssätze ablegen, um die Offenheit zu bekommen. Wir sollten aufhören, zu diskutieren, wer das alles Schuld ist. Lasst uns die Zweifler und Hassenden ausblenden und uns mit denen zusammentun, die bereit sind, positiv zu denken. Und lasst uns aufhören, die Menschen nach ihrem Fahrzeug in Schubladen zu stecken.
Bonn braucht jetzt die Rücksicht und Toleranz von jedem von uns. Lassen wir die Situation und die Meinungen an den Stammtischen nicht weiter eskalieren und uns auf ein gemeinsames Ziel verständigen: Wir alle wollen hier in Bonn gut leben können. Machen wir was draus.

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