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  • Warum uns der Transparenzbericht 2023/2024 zum Radentscheid enttäuscht

    Warum uns der Transparenzbericht 2023/2024 zum Radentscheid enttäuscht

    Am 12. Juni wurde der zweite Transparenzbericht zum Radentscheid Bonn in der VHS öffentlich vorgestellt. Wir durften dabei sein und auf dem Podium mitdiskutieren. Dafür bedanken wir uns bei der Stadt Bonn.

    Obwohl in den letzten Jahren einiges für den Radverkehr in Bonn erreicht wurde – man denke z.B. an die Neuaufteilung der Oxfordstraße, die Fahrradstraße am Rheinufer oder auch den verbreiterten Radweg in der rechtsrheinischen Rheinaue – lässt uns die Lektüre des Berichts enttäuscht zurück. Das liegt vor allem am Umsetzungsplan, also dem Blick in die Zukunft, der gemeinsam mit dem Transparenzbericht veröffentlicht wurde. Bonn bietet viel Potential, sichere und durchgehende Radrouten zu schaffen. Der Umsetzungsplan scheitert allerdings daran, einen klaren Weg in diese Richtung aufzuzeigen.

    Nach 3 Jahren ist einiges passiert, wenn auch weniger als beschlossen

    Es ist tatsächlich schon über drei Jahre her (Februar 2021), dass die Bonner Politik den Radentscheid Bonn mit breiter Mehrheit beschlossen hat. Seitdem ist wirklich einiges in Bonn für den Radverkehr passiert. Der Umbau der Oxfordstraße, die Bemühungen zum Umbau auf der Adenauerallee, der verbreiterte Radweg in der rechtsrheinischen Rheinaue und die Markierung der neuen Fahrradstraßen sind nur einige Beispiele, die zeigen, dass die Stadt alles andere als untätig war. Das freut uns! Im Gegensatz zu vergangenen Jahrzehnten sieht man deutlich, dass der Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur wieder auf der Agenda steht.

    Die mit dem Radentscheid gesetzten Ziele wurden allerdings nicht erreicht. Das räumt die Stadt auch ehrlich und offen im Transparenzbericht ein. Die geforderten 15 Kilometer Radwege pro Jahr (Ziel 2) wurden nicht erreicht. Sichere Einmündungen und Zufahrten (Ziel 4) sucht man in Bonn bisher genauso vergeblich wie umgestaltete Ampelkreuzungen, die eine sicherere Führung für den Radverkehr bieten (Ziel 3). Gerade bei den Kreuzungen müssen wir festhalten, dass noch nicht mal die Planung für eine solche Kreuzung begonnen wurde – und das nach über drei Jahren.

    Hohe Erwartung an Umsetzungsplan

    Dass es nicht direkt nach Beschluss des Radentscheids mit dem Bau losgehen konnte, liegt auf der Hand. Es brauchte einen Plan, ein Zielbild. Umso erfreuter sind wir darüber, dass im vergangenen Dezember das von der Stadt erarbeitete Radroutennetz vom Stadtrat beschlossen wurde. Das ist ein großer Meilenstein und sollte nun Grundlage für die Planung und den Bau durchgehender und sicherer Radrouten sein. Unsere Erwartung an den angekündigten Umsetzungsplan war also klar: Ein Plan, der aufzeigt, welche konkreten Schritte zur Erreichung des mit dem Radroutennetz definierten Zielbildes gegangen werden sollen.

    Dass es erstmals zum Transparenzbericht als Blick zurück nun auch einen Umsetzungsplan als Blick in die Zukunft gibt, finden wir gut. Denn wichtiger als die Umsetzungsgeschwindigkeit ist die Frage, ob man überhaupt weiß, was man tun möchte.

    Der nun vorgelegte Umsetzungsplan (Webseite der Stadt Bonn, runterscrollen bis unter Ziel 7) erfüllt unsere Erwartung allerdings nicht.

    Sowieso-Maßnahmen als Mitnahmeeffekte

    23 Maßnahmen listet die Stadt für die kommenden zwei Jahre auf. Das klingt erst mal nicht schlecht. Ein genauerer Blick zeigt allerdings, dass viele dieser Maßnahmen Mitnahmeeffekte sind. Ganze 13 der 23 Maßnahmen sind Sowieso-Maßnahmen, also Dinge, die für den Radverkehr umgesetzt werden sollen weil man sowieso gerade irgendwo an einer Straße baut.

    Ein Beispiel dafür ist die Einrichtung von Radwegen an der Siemensstraße. Diese Radwege entstehen nicht, weil es wichtig ist, dass unbedingt an der Siemensstraße Radwege entstehen, sondern weil man die Siemensstraße sowieso gerade neu plant. Gleiches gilt für die Umgestaltung der Kölnstraße, das Projekt Uni trifft City oder die Sanierung der Straßen Im Wingert, Hohe Straße und Justus-von-Liebig-Straße. Nichts davon wird angegangen, weil es besonders wichtig wäre, dass genau dort prioritär gute Radinfrastruktur entsteht. Diese Maßnahmen sind Mitnahmeeffekte. Da dort sowieso umgebaut wird, tut man auch etwas für den Radverkehr.

    Natürlich ist es grundsätzlich gut und begrüßenswert, dass Stadt und Politik bei sowieso anstehenden Baumaßnahmen die Radinfrastruktur in den Blick nehmen und verbessern. Dass der Umsetzungsplan allerdings zu über 50% aus solchen Maßnahmen besteht wirft die Frage auf, wie Ziel 1 des Radentscheids – ein sicheres, durchgängiges Straßennetz zwischen allen Stadtteilen – erreicht werden soll.

    Grundlage für einen Plan wäre eigentlich vorhanden

    Die Grundlage für einen klaren Umsetzungsplan ist mit dem Radroutennetz seit Ende letzten Jahres eigentlich vorhanden. Das Netz definiert mit Haupt- und Nebenrouten durch das ganze Stadtgebiet ein Zielbild für das Radroutennetz in Bonn und zeigt auf, wie künftig durchgängige Radrouten durch das Stadtgebiet verlaufen sollen. Ein Umsetzungsplan muss aufzeigen, wie dieses Zielbild erreicht werden soll.

    Die 13 Sowieso-Maßnahmen schaffen keine durchgängigen Radrouten. Sie verbessern lediglich punktuell die Verkehrsinfrastruktur. Niemand würde eine Straßenbahnlinie bauen, indem er immer mal wieder ein paar Gleise verlegt wenn sowieso gerade ein Stück Straße saniert wird und dann darauf hoffen, dass dadurch irgendwann die neue Straßenbahnlinie komplett ist. Straßenbahnlinien werden am Stück, in ihrer gesamten vorgesehenen Länge geplant, wie man z.Zt. an der Westbahn oder der Stadtbahn nach Niederkassel sehen kann. Wer wirklich durchgängige Radrouten schaffen möchte, sollte nach dem gleichen Prinzip verfahren.

    Umsetzungsplan besteht aus Einzelmaßnahmen statt durchgehenden Routen

    Der vorgelegte Umsetzungsplan enthält fast keine Maßnahmen, die auf die Planung durchgängiger Radrouten hindeuten. Lediglich 2 Maßnahmen beziehen sich auf den Weiterbau der Ost-West-Achse, eine durchgängige Route von der Sankt Augustiner Straße über den Konrad-Adenauer-Platz, die Kennedybrücke, die Oxfordstraße, durch die Viktoriaunterführung und weiter über die Endenicher Straße. Eine weitere Maßnahme thematisiert die Radpendlerroute Bornheim-Alfter-Bonn. Der Rest ist – und es tut mir leid, das so hart schreiben zu müssen – unzusammenhängendes Stückwerk.

    Es ist toll, dass die Stadt eine vierte Rheinbrücke für den Fuß- und Radverkehr plant. Aber Teil welcher Radroute soll diese Brücke werden? Und werden im Zuge der Planung der Brücke dann auch die anschließenden Teile dieser Route auf beiden Rheinseiten durchgeplant und umgebaut?

    Es ist toll, dass auf der Maximilian-Kolbe-Brücke eine Protected Bike Lane entstehen soll. Aber in welchen größeren Kontext passt das? Was passiert vor und hinter der Brücke?

    Es ist auch toll, dass die Stadt endlich ein Pilotprojekt für eine Schutzkreuzung angehen möchte. Aber wo und als Teil welcher Radroute? Eine sichere Kreuzung macht besonders dann Sinn, wenn man auch die Infrastruktur davor und dahinter betrachtet und eine durchgängig sichere Route schafft.

    Sorge um Akzeptanz für die Verkehrswende

    Wie möchten Stadt und Politik die Bonner Bürger*innen für die Verkehrswende gewinnen, wenn zusammenhanglos Teilstücke von Straßen umgebaut werden? Die Bürger können so gar nicht verstehen, dass ein aktuell umgebautes Stück Straße Teil einer künftig wichtigen Hauptradroute sein wird, die aber erst in 10, 15, 20 Jahren wirklich da sein wird, wenn zufällig auch alle anderen Stücke dieser Route umgebaut wurden.

    Es ist für die Akzeptanz der Verkehrswende wichtig, den Menschen zu erklären, was man erreichen möchte. Die Stadt unternimmt sehr viel in diese Richtung. Die Webseite der Stadt zur Einrichtung der neuen Fahrradstraßen ist ein gutes Beispiel für ausführliche und verständliche Information. Trotzdem bleibt der Eindruck von Stückwerk, da im Stadtbild keine durchgehenden Radrouten wahrgenommen werden. Es werden immer nur kurze einzelne Abschnitte umgebaut ohne dass bereits Pläne präsentiert werden konnten, was auf dieser Route als nächstes passieren soll.

    Radentscheid hat Vorschläge vorgelegt

    Ein ambitionierter Umsetzungsplan muss aufzeigen, welche durchgängigen Radrouten in welcher Reihenfolge umgebaut werden sollen. Der Radentscheid Bonn hat dafür nach Verabschiedung des Radroutennetzes Vorschläge vorgelegt (Stadtbezirk Bonn, Stadtbezirk Beuel, Stadtbezirke Bad Godesberg und Hardtberg), die als Diskussionsgrundlage dienen sollen.

    Die Planung und der Umbau einer Radroute muss durchgängig erfolgen und nicht nur abschnittsweise. Es muss erkennbar werden, wo durchgängig sichere Radinfrastruktur entsteht. Dass ein solches Vorgehen grundsätzlich möglich ist zeigen die Planungen bei anderen Verkehrsmitteln wie der Straßenbahn.

    Beispiele für Umsetzungspläne bei anderen Themen

    Aber nicht nur die Straßenbahn ist ein Beispiel für ein Thema, bei dem es besser läuft als beim Radverkehr. Auch das Thema Anwohnerparken ist ein solches Beispiel. Die Lokalpolitik hat 2022 eine Parkraumstrategie für Bonn beschlossen, die maßgeblich die Einführung von neuen Anwohnerparkzonen beinhaltet. Zu dieser Strategie existiert ein direkt mitbeschlossener Umsetzungsplan mit Priorisierung der vorgesehenen Gebiete und Zeithorizonten für die Umsetzung. Auch wenn die Zeithorizonte zwei Jahre später so nicht mehr realistisch erscheinen, so hat man hier konkrete Gebiete abgegrenzt und festgelegt, in welcher Reihenfolge man in diesen Gebieten Anwohnerparken einführen möchte. Jedes Gebiet wird in Gänze umgesetzt, nicht nur stückweise dort, wo sowieso eine Straße umgebaut wird. Bei Straßenbahnen geht es, beim Anwohnerparken geht es – wieso sind beim Radverkehr nur kleinere Einzelmaßnahmen möglich?

    Umsetzungsplan muss Weg zum Radroutennetz aufzeigen

    Wir erwarten einen Plan mit einer Priorisierung der Radrouten und der Ambition, wirklich durchgängige Radrouten zu planen und zu bauen. Das Bürgerbegehren mit den meisten Unterschriften in der Geschichte Bonns – der Radentscheid – hat es verdient, ernst genommen zu werden. Für den Radentscheid wurde ein großes Budget beschlossen, neue Stellen wurden in der Verwaltung geschaffen. Es ist an der Zeit, dass mit diesen Ressourcen nun auch durchgehende Radrouten als eigenständige Maßnahmen geplant und umgesetzt werden. Durch einen Fokus auf Einzelmaßnahmen und Mitnahmeffekte wird kein durchgängiges Radroutennetz entstehen.

    Von der Stadt erwarten wir, dass sie einen Umsetzungsplan vorlegt, der aufzeigt, wie das beschlossene Radroutennetz Schritt für Schritt durch Planung und Bau durchgängiger Radrouten Wirklichkeit werden soll. Die Lokalpolitik fordern wir auf, einen solchen Plan aktiv einzufordern. Der mit dem diesjährigen Transparenzbericht vorgelegte Umsetzungsplan kann nicht der Maßstab sein, an dem sich Bonn messen lassen möchte.

  • Politik muss jetzt Wort halten

    Politik muss jetzt Wort halten

    Pressemitteilung zum Umsetzungsstand des Radentscheids Bonn

    Vor zwei Jahren stimmte der Hauptausschuss der Stadt Bonn mit den Stimmen von Grünen, CDU, SPD, Linken und VOLT für die Annahme des erfolgreichsten Bürgerbegehren Bonns mit über 28.000 Unterschriften – eine stabile Mehrheit von 87%. Die Zulässigkeit des Radentscheids wurde sogar mit 100% der Stimmen, einschließlich BBB und FDP, festgestellt. Der Radentscheid Bonn hat zum Ziel, durch einen konsequenten Ausbau der Rad- und Fußinfrastruktur zu einer Beschleunigung der Mobilitätswende und einer lebenswerten Zukunft unserer Stadt beizutragen.

    Seitdem wurden einige Maßnahmen in der Stadt verwirklicht. Besonders die neue Fahrradstraße am Rheinufer, die Radwegverbreiterung in der Beueler Rheinaue, die Radfahrspuren auf der Oxfordstraße, die Neuaufteilung der Verkehrsfläche auf der Viktoriabrücke und die Zunahme der Fahrradabstellanlagen z.B. im Rahmen der Mobilitätsstationen, stellen deutliche Verbesserungen der Radinfrastruktur dar. Nichtsdestoweniger liegt die bisherige Umsetzung des Radentscheids weit hinter den beschlossenen Zielen von jährlich jeweils 15 km Radwegen, 6 geschützten Kreuzungen, 20 sicheren Einmündungen und 3.000 Fahrradstellplätzen zurück. Auch bei der Nutzbarhaltung der Rad- und Gehwege durch Ordnungsdienst und Bonn Orange sehen wir weiterhin deutlichen Verbesserungsbedarf. Wir haben in den letzten zwei Jahren die Umsetzung des Radentscheids kritisch und konstruktiv begleitet und uns wiederholt zum Umsetzungsstand geäußert:

    Neue Pläne für die Umsetzung des Radentscheids

    Ein Jahr Radentscheid Bonn

    Bonn, wir müssen reden

    Sosehr wir die bisherigen Verbesserungen begrüßen und sosehr wir auch nachvollziehen können, dass zunächst personelle und organisatorische Veränderungen dafür notwendig waren, sosehr müssen wir auch betonen, dass die bisherigen Maßnahmen erst ein kleiner Anfang in Bezug auf die eigentlich notwendige Menge an Veränderungen für die Mobilitätswende sind. Daher begrüßen wir, dass die Verwaltung die Umsetzung von 21 km Fahrradstraßen geplant und zur politischen Entscheidung gegeben hat. Der Radverkehrsnetz-Plan, welcher am 4.5.23 von der Stadt Bonn präsentiert wurde, zeigt zudem, wo zukünftig wichtige Fahrradrouten verlaufen sollen. Damit ist eine gute Basis für die weitere Umsetzung gelegt. Jetzt braucht es dazu noch die politischen Entscheidungen.

    Die Aktiven des Radentscheids erwarten von den politischen Gremien und allen Fraktionen, die sich vor über zwei Jahren hinter den Radentscheid gestellt haben und auch mit dem Radentscheid Wahlwerbung gemacht haben, dass nun die Planungen und Beschlussvorlagen, welche die Verwaltung im Rahmen des Radentscheid-Beschlusses geplant und vorlegt hat, auch konsequent und zügig beschlossen werden. Uns ist vollkommen bewusst, dass damit auch Komfortverluste z.B. für einzelne Anwohnende bei der Parkplatzsuche für einen privaten PKW im öffentlichen Raum nach sich zieht. Wir sind aber davon überzeugt, dass unsere Stadt als ganzes davon profitieren wird.

    Es ist eine unabdingbar notwendige Leistung der Politik, auch für teils unliebsame Veränderungen Akzeptanz für die, von einer breiten Bevölkerungsmehrheit unterstützten, Mobilitätswende bei den Bürger:innen zu fördern und Gegenwind auch mal auszuhalten. Nur wenn die Politik konsequent klarmacht, in welche Richtung sich die Stadt und der Verkehr für eine wünschenswerte Zukunft der Stadt entwickeln wird, haben die Bürger:innen und auch die Bonner Unternehmen Planungssicherheit für die ebenfalls notwendige Transformation im eigenen privaten oder betrieblichen Umfeld. Dazu brauchte es die konsequente Umsetzung der verabschiedenden Grundsatzbeschlüsse für Verkehr und Klima. Wenn aber der Eindruck entsteht, dass z.B. jeder Parkstand im öffentlichen Raum einzeln verhandelbar ist und womöglich noch bei Entfernung in einem Anrecht auf einen Privatplatz an anderer Stelle mündet, werden wir als Stadtgesellschaft nicht vorankommen.

    Sonja Thiele, Pressesprecherin des Radentscheids: „Wir erwarten in den jetzt anstehenden Entscheidungen zum Hauptroutennetz und den Fahrradstraßen ein klares politisches Bekenntnis zum Radentscheid. Dieses beinhaltet den konsequenten Beschluss der Planungen und der zügigen Umsetzung nach den Standards, die im Radentscheid festgeschrieben sind. Bisher sind einige wenige, aber offensichtliche Verbesserungen für die Radfahrenden erfolgt. Jetzt erhoffen wir uns Fahrradrouten, die durchgängig, sicher und einfach nutzbar werden.“

    Der Transparenzbericht der Stadt Bonn wurde hier veröffentlicht.

  • Neue Pläne für die Umsetzung des Radentscheids

    Neue Pläne für die Umsetzung des Radentscheids

    In den Gesprächen mit der Stadtverwaltung hörten wir in den letzten beiden Jahren immer wieder einen Grund für den zögerlichen Fortschritt: Fehlendes Fachpersonal. Mit dem Radentscheid hatte man Anfang 2021 auch das Budget für neue Stellen im Stadtplanungs- und im Tiefbauamt beschlossen. Es sollten Planer*innen, Projektkoordinator*innen und Ingenieur*innen eingestellt werden, die sich um die Umsetzung des Radentscheids kümmern. In der Zwischenzeit ist im Stadtplanungsamt ein gutes Team zusammengekommen. Sechs Personen im Radteam planen den Ausbau der Radinfrastruktur. Anders sieht es im Tiefbauamt aus. Dort sind weiterhin die fahrradspezifischen Stellen offen. Nur eine Neubesetzung ist gelungen. Damit allein ist eine Umsetzung des Radentscheids im vorgegebenen Zeitrahmen aber nicht möglich. Daher bedarf es unbedingt einer intensiveren Personalsuche. Dass man in Bonn die Chance hat, einen Radentscheid umzusetzen, könnte Menschen zur Bewerbung motivieren.

    Das Radteam im Stadtplanungsamt ist stark motiviert, echte Fortschritte für Radfahrende zu erreichen. Allerdings fehlte bis vor kurzem von Seiten der Verwaltung die angemessene Priorisierung des Radentscheids. So beruhen viele der Maßnahmen, die aktuell umgesetzt werden, auf alten Beschlüssen bzw. auf den Notwendigkeiten einer Straßen- oder Kanalsanierung. In diesen Fällen versucht man immer, Radentscheidstandards zu verwirklichen. Aber wirklich eigenständige Maßnahmen, die die Ausbauziele für Kreuzungen und Einmündungen und die Streckenziele erreichen, gab es bisher zu wenige. Aber wenig ist nicht nichts. Ein paar interessante Sachen sind in der Pipeline:

    Die Netzplanung

    Die Basis für alle Entscheidungen, wo welche Art Fahrradinfrastruktur gebraucht wird, sollte ein Netzplan sein. Dieser enthält Strecken unterschiedlicher Priorität. Bisher arbeitet die Stadt mit dem über 10 Jahre alten Verkehrsentwicklungsplan. In der Zwischenzeit hat der Radverkehr aber eine andere Bedeutung bekommen. Im Rahmen der Beschlüsse zur Klimaneutralität muss der Anteil des Umweltverbundes am Mobilitätsmix der Bonner*innen viel größer werden. Mit das größte Potential hat dabei die Förderung des Radverkehrs. Sowohl die Verkehrsplanungsgruppe des ADFC wie auch wir vom Radentscheid haben der Stadt einen Vorschlag für ein aktuelles Radnetz aus Haupt- und Nebenrouten vorgelegt.

    In der Zwischenzeit hat das Radteam in Zusammenarbeit mit den Stadtteilplanern ein eigenes Netz entwickelt. Parallel dazu wurde ein Planungsbüro beauftragt, die überregionalen Radpendlerrouten in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis zu planen. Die Ergebnisse werden im Frühjahr vorliegen und wir haben die Zusage der Stadt, dass die neue Radverkehrsplanung noch vor dem Sommer in die Beratung in den politischen Ausschüssen und zum Beschluss in den Rat gehen soll. Damit hätten wir endlich Klarheit, wo zukünftig gute Verkehrsverbindungen für Radfahrende ausgebaut werden sollen. Eine wichtige Basis für die Umsetzung des Radentscheids.

    Die Fahrradstraßen

    Noch aus der Planung aus dem Jahr 2012 für die Fahrradhauptstadt 2020 stammt der Plan, wo in Bonn Nebenstraßen zu Fahrradstraßen umgewidmet werden können, um das Radfahren sicherer und komfortabler zu machen. Bisher wurde nur ein Teil davon umgesetzt und das auch eher schlecht als recht. Einige Fahrradstraßen sind zu eng, oft führt auch motorisierter Durchgangsverkehr über die Strecken und die Fahrradstraßen haben keinen Vorrang. Aus dieser Situation entstand unsere Forderung nach einem neuen Standard für Fahrradstraßen. Mindestens 4,5 m muss die Fahrbahn breit sein, an den Kreuzungen sollten die Radfahrenden Vorrang haben und über Einbahnstraßen bzw. modale Filter (Sperren, die nur von Radfahrenden durchfahren werden können) sollte der MIV-Durchgangsverkehr abgeleitet werden. 

    neues Design für Fahrradstraßen in Bonn

    Für die nächste Stufe der Umsetzung des Fahrradstraßenkonzeptes ist jetzt eine neue Qualität geplant, die beschlossene Radentscheidziele berücksichtigt. Neben einer deutlichen, durchgehenden Kennzeichnung wird in diesen Straßen partiell der Parkraum reduziert und illegales Parken unterbunden. Dazu sollen Vorfahrtsregelungen geändert und der Durchgangsverkehr reduziert werden. In diesem Jahr soll damit Strecke gemacht werden. Zwischen April und Oktober 2023 sollen 23 km Fahrradstraßen realisiert werden. Wenn das komplett nach unseren Standards gemacht wird, ist es ein echter Fortschritt. Allein, es bleibt ein Rest Skepsis, da die Umsetzung auch noch politisch beschlossen werden muss. Wird die grün-rot-rote Koalition den Weg konsequent weitergehen oder werden doch, wie aktuell beim Straßenzug vor der Bonner Uni, plötzlich andere Parameter wichtiger sein und der Beschluss für den Radentscheid in Frage gestellt werden? Es bleibt leider spannend.

    Das innerstädtische Hauptroutenkreuz

    Wie schon im zweiten Artikel unserer Serie zum 2. Jahrestag der Annahme des Radentscheids beschrieben, gibt es deutliche Verbesserungen der Situation für Radfahrende auf der Oxfordstraße bis zum alten Friedhof. Nach den Vorstellungen der Oberbürgermeisterin und der Verwaltung ist dies der erste Schritt eines innerstädtischen Fahrradroutenkreuzes. Daher wird aktuell geplant, wie man den Bertha-von-Suttnerplatz als Fortführung der Oxfordstraße für den Radverkehr sicherer machen kann. Im Folgenden will man die Kennedybrücke überdenken. Die Route durch Beuel soll über die St.-Augustiner-Straße bis zum Bröhltalbahnweg und anschließend zum Radweg entlang der B56 verlängert werden. Richtung Westen soll die Route über die Bornheimer Straße und Viktoriabrücke, bzw. durch die verbreiterte Viktoriaunterführung auf der Endenicher Straße und über den Hermann-Wandersleb-Ring weitergeführt werden.

    In Nord-Süd-Richtung wird der Umbau der Adenauerallee geplant. Dort soll vom Koblenzer Tor bis zum Bundeskanzlerplatz laut der städtischen Radverkehrsseite eine „gesicherte Radverkehrsanlage“ entstehen. Wir erwarten also geschützte Radfahrstreifen in beide Fahrtrichtungen. Der Umbau soll – so meldete der General-Anzeiger bereits im März 2022 – dieses Jahr beginnen.

    Schutzstreifen auf der Adenauerallee

    Auch wenn diese Planungen neue Chancen für den Radverkehr beinhalten, diskutieren wir intern immer wieder, ob es wirklich der beste Weg ist, Radwege entlang der Bundesstraßen zu realisieren. Diese viel befahrenen Strecken haben in der Regel viele Ampeln, die die Radfahrenden ausbremsen. Ist dann eine Führung durch Nebenstraßen nicht vielleicht doch günstiger? Wir sind noch zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Und wahrscheinlich wird die Wahrheit auch in jedem Einzelfall einer Strecke anders liegen. Also muss man die Führungen vergleichen und abwägen. Kriterium sollte immer die möglichst einfache, sichere und intuitive Nutzung sein. Radrouten, die nur die Vielfahrer kennen und sicher nutzen können, taugen nicht dafür, mehr Menschen aufs Rad zu bekommen.

    Weitere Strecken

    Weiterhin in der Umsetzung ist der Ausbau der Radpendlerroute nach Bornheim. Hier steht insbesondere noch die Brücke über die Straße Am Probsthof aus. Leider verzögert der Grunderwerb hier die Umsetzung.

    Im Bereich des alten Schlachthofes wird eine neue Radverbindung über die Immenburgstraße mit neuer Brücke über die Bahn an der Haltestelle Bonn-West und über die Autobahn geplant. Dabei gibt es endlich mal Planungen, die geschwungene Rampen vorsehen, die auch mit dem Lastenrad oder Kinderanhänger zu bewältigen sind. Das wäre eine wesentliche Verbesserung gegenüber Unterführungen mit 180° Kurven wie etwa am Haltepunkt UN-Campus.

    Planung Fahrradbrücke über die Bahn im bereich Bonn-West

    Die Umsetzung des Radentscheids

    Aktuell arbeitet das Radteam der Stadt auch an unserer dritten Forderung nach einem für Radfahrende sichereren Kreuzungsdesign. Dafür werden die Kreuzungen identifiziert, die dafür ausreichend Platz bieten und im Anschluss sollen erste Umbauten beschlossen werden.

    Bezüglich unserer Forderung nach sicheren Einmündungen liegt der Vorschlag für einen Baustandard aktuell im Dezernatsbüro. Wir hoffen, dass die Überprüfung mit allen beteiligen Stakeholdern zu einem guten Ergebnis kommt und wir bald mehr niveaugleiche Kreuzungen sehen werden, die den Radfahrenden und Fußgänger*innen mehr Sicherheit bieten.

    Ein Detail in einem Gespräch, das wir mit Herrn Dezernent Wiesner und der Amtsleiterin Frau Denny Anfang Februar geführt haben, hat uns positiv überrascht. Demnach ist geplant, dass nach der Verabschiedung der Netzplanung und des Hauptroutennetzes vom Radteam im Stadtplanungsamt eigenständige Projekte zur Umsetzung des Radentscheids initiiert werden sollen. Damit hoffen wir auf Lückenschlüsse und Ausbauten unabhängig von anderen Bauplanungen. Während bisher vorwiegend bestehende Flächen über Kennzeichnungen umgewidmet werden, würden echte Neu- und Umbauten das Potential haben, den Radverkehr deutlich komfortabler zu machen. Wir denken dabei an die vierte Rheinbrücke für Rad- und Fußverkehr, den Umbau der Industriebahn von Beuel nach Hangelar zum Radweg oder eine attraktive Fahrradroute nach und durch Bad Godesberg. Die Neuplanung des Radwegs in der linksrheinischen Rheinaue steht noch aus. Und in den äußeren Stadtteilen gäbe es viele Verbesserungen, die angegangen werden müssten.

    Viele Radfahrende auf dem schmalen Radweg in der Bonner Rheinaue

    Neben der Unzufriedenheit über das bisher Erreichte herrscht bei uns ein vorsichtiger Optimismus. Wir sehen bei der Verwaltung den echten Willen, das Radfahren in Bonn deutlich einfacher und sicherer zu machen. Jetzt hoffen wir auf Unterstützung – auf der einen Seite von der Politik und auf der anderen Seite vom Tiefbauamt und der Straßenverkehrsbehörde, die wesentlich an der Umsetzung mitwirken müssen.  

    geschrieben von Steffen